أَوْ كَصَيِّبٍ مِّنَ ٱلسَّمَآءِ فِيهِ ظُلُمَٰتٌ وَرَعْدٌ وَبَرْقٌ يَجْعَلُونَ أَصَٰبِعَهُمْ فِىٓ ءَاذَانِهِم مِّنَ ٱلصَّوَٰعِقِ حَذَرَ ٱلْمَوْتِ وَٱللَّهُ مُحِيطٌۢ بِٱلْكَٰفِرِينَ

“Oder es ist wie ein Gewitterregen, der vom Himmel niedergeht, voller Finsternis, Donner und Blitz. Sie stecken sich die Finger in die Ohren vor den Donnerschlägen, um dem Tod zu entfliehen, doch Allah umfaßt die Ungläubigen.” — Bubenheim & Elyas

Tafsire

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Taberî9-10. Jh.✓ Zitat verifiziert

Dieser Text vermittelt, dass das Konzept der 'sayyib' (Regenverglichnis) in diesem Vers den Zustand der Heuchler darstellt; die Heuchler sprechen äußerlich das Wort des Glaubens (Blitz/Licht), tragen aber in ihrem Inneren Zweifel und die Finsternis der Verirrtheit (zulümât). Dass sie sich vor den Donnergeräuschen fürchten und ihre Finger in die Ohren stecken, wird als eine Darstellung ihrer Furcht vor Allahs Strafe und ihrer Angst vor dem Untergang interpretiert. Taberî erwähnt, dass die verschiedenen von den Gefährten (Ibn Abbas, Ibn Masud, Mujahid, Qatada, Suddi u.a.) überlieferten Ausdrücke zwar im Wortlaut unterschiedlich sind, aber in ihrer Bedeutung einander nahe kommen und dass alle den äußeren Glauben des Heuchlers und die Verirrtheit in seinem Inneren beschreiben.

وهذه الأقوال التي ذكرنا عمن رويناها عنه، فإنها وإن اختلفت فيها ألفاظ قائليها متقاربات المعاني لأنها جميعا تنبئ عن أن الله ضرب الصيب لظاهر إيمان المنافق مثلا ومثل ما فيه من ظلمات بضلالته، وما فيه من ضياء برق بنور إيمانه
Zemahşerî12. Jh.✓ Zitat verifiziert

Zamahshari gibt in diesem Text an, dass das vom Himmel Herabgesendete nicht nur Regen sein muss und dass hier das Gemeinte Steine (siccîl) sind. Seiner Meinung nach ist der Ausdruck so, als würde man sagen 'lasse Steine auf uns regnen'; siccîl sind Steine, die für die Strafe bestimmt sind. So wird ein Stilmittel bevorzugt, bei dem anstelle von Wasser diese Steine verwendet werden.

كأنه يريد أن يقال : فأمطر علينا السجيل وهي الحجارة المسومة للعذاب ، فوضع الماء
Fahreddin er-Râzî12-13. Jh.✓ Zitat verifiziert

Nach Râzî ist der Ausdruck 'hazerü'l-mevt' als maf'ûlün leh im Akkusativ angebracht, das heißt 'aus Todesfurcht'. Da es eine Angst vor dem Tod ist, die ohnehin bei jedem vorhanden ist, deutet das besondere Erwähnen dieser Situation in jenem Ereignis darauf hin, dass die Todesursache (wie eine Seuchenepidemie oder ein Kriegsbefehl) dichter beieinander lag. Außerdem wird erwähnt, dass das vom Himmel Herabgesendete weder eine Armee ist, noch Feuer, das gelöscht wird, und Wohnstätten, die zerstört werden, sondern vielmehr ein sayha (erschreckender Ton) ist.

فهو منصوب لأنه مفعول له ، أي لحذر الموت ، ومعلوم أن كل أحد يحذر الموت ، فلما خص هذا الموضع بالذكر ، علم أن سبب الموت كان في تلك الواقعة أكثر ، إما لأجل غلبة الطاعون أو لأجل الأمر بالمقاتلة
Kurtubî13. Jh.✓ Zitat verifiziert

Qurtubî behandelt in diesem Abschnitt mehrere verschiedene Ayatfragmente nacheinander: Die Mehrheitsansicht zum Thema ra'd besagt, dass es ein von einem Engel hervorgebrachter hörbarer Ton ist; savâiq ist das Feuer, das aus dem Mund des ra'd-Engels kommt, wenn dieser sich zürnt. Außerdem wird das Wort 'muhît' so erklärt, dass Allah alle Seine Geschöpfe mit Seiner Macht umfasst und die Ungläubigen entweder in Bezug auf Wissen oder Vernichtung umfasst. Schließlich wird in der Geschichte des Volkes, das starb und dann belebt wurde, die sahih-Ansicht überliefert, dass sie starben, während sie vor einer Pest/tâun flohen, und dann durch das Gebet eines Propheten belebt wurden.

قال أبن عباس ومجاهد وغيرهما : إذا اشتد غضب الرعد الذي هو الملك طار النار من فيه وهي الصواعق
İbn Kesîr14. Jh.✓ Zitat verifiziert

Nach Ibn Kathir bringt die Vorsicht und Vorsorge der Heuchler in diesem Vers ihnen keinen Nutzen, denn Allahs Macht umfasst sie und sie stehen unter Allahs Wille und Wollen. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass in der Sure An-Nur zwei Analogien für die Ungläubigen gebracht werden.

أي ولا يجدي عنهم حذرهم شيئا لأن الله محيط بقدرته وهم تحت مشيئته وإرادته
Beydâvî13. Jh.✓ Zitat verifiziert

Nach Baydâwî drückt 'aw' (oder) hier aus, dass beide Analogien (der Regen- und der Feuer entzündende Person-Vergleiche) gleichermaßen gültig für die Darstellung der Situation der Heuchler sind und dass der Hörer frei ist, mit welcher der beiden Analogien er eine Darstellung bilden kann; nicht für den Zweck der Gleichheit im Zweifel. Sayyib (صيب) kann Regen oder Wolke bedeuten und die indefinite Form weist auf eine intensive Regenart hin. Dass der Himmel im Genitiv kommt, bedeutet, dass die Wolke den ganzen Horizont bedeckt, denn jede Schicht des Himmels wird auch 'samâ' genannt.

ومعناه أن قصة المنافقين مشبهة بهاتين القصتين، وأنهما سواء في صحة التشبيه بهما، وأنت مخير في التمثيل بهما أو بأيهما شئت

Vergleich

Gemeinsamkeiten

Alle Koranausleger bauen gemeinsam darauf auf, dass der Vers grundsätzlich den Konflikt zwischen dem äußeren Glauben und dem inneren Zweifel/der Verirrtheit der Heuchler durch einen figürlich-metaphorischen Stil darstellt. Darüber hinaus vertreten die meisten Ausleger (Taberî, Qurtubî, Baydâwî), dass Naturerscheinungen wie 'sayyib', 'ra'd' und 'savâiq' zwar im eigentlichen Sinne Naturereignisse sind, aber im Vers als Vergleich- und Metapher-Mittel verwendet werden, um den psychologischen Zustand der Heuchler (Furcht, Zweifelhaftigkeit, Taubheit) darzustellen. Die Sprach- und Redekunstanalyse (Wortherkunft, Wirkung von Partikeln, Verhältnis von Metapher zu Vergleich) tritt bei nahezu jedem Ausleger als gemeinsames methodisches Element hervor.

Unterschiede

Während Taberî und Qurtubî sich hauptsächlich auf Überlieferungen von Gefährten und Tabiin (Ibn Abbas, Mujahid, Qatada u.a.) stützen und die Bedeutung des Verses mit Überlieferungsketten begründen, konzentrieren sich Zamahshari und Baydâwî in großem Maße auf pure Sprach- und Redekunstanalyse (die Unterscheidung zwischen siccîl und Regen, die Funktion der Partikel 'aw', der Unterschied zwischen indefinitum und definitum) und beziehen sich weniger auf Überlieferungen. Râzî hingegen bietet durch Grammatikanalyse (maf'ûlün leh-Analyse) und logisch-kontextuelle Schlussfolgerung eine analytischere/rationalere Auslegung und argumentiert, dass der Ausdruck 'hazerü'l-mevt' auf eine besondere Situation hinweist. Ibn Kathir behandelt das Thema durch vergleichende Lektüre zwischen Versen (Verbindung zur Sure An-Nur) in einem umfassenderen Rahmen. Qurtubîs engelbezogene Erklärung von ra'd und savâiq unterscheidet sich von Râzîs Interpretation dieser als 'erschreckender Ton/sayha', was einen schulischen/theologischen Unterschied in der Rolle von Engeln bei Naturereignissen zeigt.

Historischer Kontext

Der älteste Ausleger Taberî (3.-4. Jh.) versuchte in einer Zeit, in der Überlieferungstafsir überwiegend war, Berichte von Gefährten und Tabiin zusammenzutragen und darauf hinzuweisen, dass wortliche Unterschiede in der Bedeutung übereinstimmen. In der Zeit von Zamahshari (6. Jh., Mu'tazilî) und Baydâwî (7. Jh.) wird deutlich, dass Sprach- und Redekunstanalyse sowie I'rab-Analyse zu einer systematischeren und zentraleren Methode im Tafsir geworden sind; die Überlieferung rückt in den Hintergrund. Mit Râzî (6.-7. Jh.) vertiefen sich die kalâmiyya/logische Überlegung und die Grammatikanalyse weiter, und die historisch-weisheitliche Beziehung hinter dem Vers wird hinterfragt. Qurtubî (7. Jh.) bietet dagegen eine enzyklopädischere Synthese, indem er Überlieferung und Sprachanalyse verbindet. Mit Ibn Kathir (8. Jh.) tritt wiederum die überlieferungsreiche Auslegung in den Vordergrund, dieses Mal jedoch mit einer vergleichenden Auslegungsmethode zwischen Versen. Insgesamt kann beobachtet werden, dass sich mit Fortschreiten der Perioden das Gewicht von der Überlieferungsauslegung zur Sprach- und Redekunstanalyse und darüber hinaus zur logisch-kontextuellen Auslegung verlagert, aber die figürlich-metaphorische Auslegungslinie bleibt über alle Perioden hinweg konstant.

Bezug zur Gegenwart

Die Diversifizierung der Methoden der Koranausleger im Laufe der Jahrhunderte - von der Überlieferung zur Sprachanalyse und von dort zur logisch-kontextuellen Auslegung - erinnert daran, dass bei der Auslegung eines Textes verschiedene Wissenschaftszweige (Überlieferung, Linguistik, Logik) sich gegenseitig ergänzend eingesetzt werden können; dies kann in der heutigen Zeit zu einer Inspirationsquelle werden, um Einklang zwischen Wissenschaft und Glaube zu fördern und ein Verständnis zu ermutigen, das sich nicht an einen einzigen Blickwinkel klammert, sondern vielseitiges Lernen unterstützt. Darüber hinaus kann das im Kern des Verses liegende Thema des Widerspruchs zwischen Außen und Innen als eine behutsame Erinnerung daran verstanden werden, die Übereinstimmung zwischen Wort und Wesen im alltäglichen Leben, nämlich Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in Familie und Gesellschaftsbeziehungen, zu berücksichtigen. Dass verschiedene Schulen und Perioden sich auf respektvolle Weise demselben Vers aus verschiedenen Perspektiven nähern können, kann in der heutigen Zeit auch einen respektvollen Dialoggeist gegenüber verschiedenen Interpretationen und Wissensbeständen unterstützen.

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