قَالُوا۟ يَٰٓأَيُّهَا ٱلْعَزِيزُ إِنَّ لَهُۥٓ أَبًا شَيْخًا كَبِيرًا فَخُذْ أَحَدَنَا مَكَانَهُۥٓ إِنَّا نَرَىٰكَ مِنَ ٱلْمُحْسِنِينَ
“Sie sagten: "O hoher Herr, er hat einen Vater, einen hochbetagten Greis. So nimm einen von uns an seiner Stelle. Wir sehen, daß du zu den Gutes Tuenden gehörst."” — Bubenheim & Elyas
Taberî9-10. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut diesem Tafsir-Gelehrten berichtet der Text davon, dass Yusofs Brüder auf die übermäßige Zuneigung und Liebe ihres Vaters Yakub zu Binyamin hinweisen und deshalb dem Herrscher Ägyptens anbieten, dass er einen von ihnen anstelle Binyamins nehmen und diesen freilassen soll. Das heißt, die Brüder opferten ihre eigenen Seelen, um die Trauer ihres Vaters zu lindern.
يا أيها الملك كلفا بحبه، يعنون يعقوب، يعنون فخذ أحدا منا بدلا من بنيامين، وخل عنه
Zemahşerî12. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut diesem Tafsir-Gelehrten bedeutet der im Text vorkommende Ausdruck 'nimm ihn', dass die Erfüllung dieser Handlung durch Verpfändung oder Versklavung erfolgt; das heißt, die Ergreifung findet gegen Zahlung von Lösegeld oder durch Versklavung statt.
فخذه بدله على وجه الاسترهان أو الاستعباد
Fahreddin er-Râzî12-13. Jh.✓ Zitat verifiziert
In diesem Text erwähnt Fahreddin er-Râzî zwei Möglichkeiten: dass die Worte der Brüder möglicherweise 'um Unmöglichkeit auszudrücken' gesprochen wurden oder 'um auszudrücken, dass sie als Pfand bleiben sollen, bis das Lösegeld kommt'. Danach vermerkt er, dass diese Worte ihr letztes Angebot waren und dass Yusof darauf antwortete.
يحتمل أن يكون المراد على طريق الاستبعاد ويحتمل أن يكون المراد على طريق الرهن حتى نوصل الفداء إليك
İbn Kesîr14. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut Ibn Kesîr erklärt dieser Text die betreffende Aussage so: 'ein dir gehörender Gegenwert oder Austausch an seiner Stelle'; das heißt, es handelt sich um einen Ausgleich, der das Verlorene oder Gegebene ersetzt.
أي بدله يكون عندك عوضا عنه
Beydâvî13. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut Beydâvî erinnerten die Brüder Yusof an das hohe Alter ihres Vaters und an den Schmerz über den Verlust seines Kindes und baten ihn um Erbarmen, wobei sie anboten, dass einer von ihnen an Stelle des verpfändeten Kindes treten sollte. Yusof hingegen wies diesen Vorschlag ab, indem er erklärte, dass er nach seinen Prinzipien nur denjenigen festhalten könne, bei dem die Sache (das Gefäß) gefunden wurde, und dass es Ungerechtigkeit wäre, jemand anderen zu nehmen. Der Text vermerkt außerdem, dass Yusofs eigentliche Absicht die war, auszudrücken, dass Allah ihm nur die Erlaubnis gegeben hat, denjenigen festzuhalten, bei dem das Gut ist, und dass dies für ihn sowohl angemessen als auch seinem Willen entsprechend ist; und dass er, wenn er jemand anderen nehmen würde, ungerecht sein würde.
قال معاذ الله أن نأخذ إلا من وجدنا متاعنا عنده فإن أخذ غيره ظلم على فتواكم فلو أخذنا أحدكم مكانه. إنا إذا لظالمون في مذهبكم هذا
Vergleich
Gemeinsamkeiten
Alle Tafsir-Gelehrten stimmen darin überein, dass der Vers auf die Szene hindeutet, in der die Brüder anbieten, einen von sich selbst anstelle Binyamins anzubieten; die gemeinsame Grundlage ist, dass das Angebot die Absicht hat, die Trauer ihres Vaters zu lindern, und dass es eine Antwort Yusofs darauf gibt.
Unterschiede
Taberî hebt mit seiner auf Überlieferung gestützten Kontextlesung die Motivation des Angebots (die Trauer des Vaters) hervor; Zemahşerî, Ibn Kesîr und Fahreddin er-Râzî hingegen wenden sich der Sprachanalyse zu und diskutieren, ob die Ausdrücke 'Nehmen/Gegenwert' die Bedeutung von Verpfändung, Versklavung oder Austausch tragen. Fahreddin er-Râzî unterscheidet sich darüber hinaus, indem er auch die Möglichkeit erörtert, dass die Worte Unmöglichkeit ausdrücken. Beydâvî kombiniert sowohl die kontextuelle als auch die sprachliche Lesung und fügt eine theologische Dimension hinzu, indem er Yusofs Ablehnung an göttliche Erlaubnis und Gerechtigkeitsprinzipien bindet.
Historischer Kontext
Während bei dem frühen Tafsir-Gelehrten Taberî die Überlieferung und der Geschichtsverlauf überwiegen, treten bei späteren Gelehrten wie Zemahşerî, Fahreddin er-Râzî und Ibn Kesîr wahrscheinliche Interpretationen auf Grundlage von Sprach- und Rhetorikanalyse in den Vordergrund; bei Beydâvî werden diese Ansammlungen zusammengefasst und in einen theologischen Rahmen (göttliche Erlaubnis, Gerechtigkeit) integriert. Die grundlegende Geschichte bleibt erhalten, während sich die Auslegungsmethode mit der Zeit zu sprachwissenschaftlicher Tiefe und theologischer Begründung entwickelt hat.
Bezug zur Gegenwart
Diese unterschiedlichen Auslegungen erinnern daran, welche Kraft familiäre Bindungen haben und wie wichtig es ist, sich zur persönlichen Selbstaufopferung bereit zu zeigen, um die Leiden eines Angehörigen zu lindern. Zugleich behält die Idee, dass Gerechtigkeit verlangt, auch angesichts emotionaler Druck an Prinzipien festzuhalten, ihren Wert in den heutigen gesellschaftlichen Beziehungen. Der Text bietet einen besonnenen Gedankenrahmen dafür, wie Geduld und gewissensvolles Verhalten zusammen mit familiärer Solidarität einhergehen können.
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