وَقَالَ نِسْوَةٌ فِى ٱلْمَدِينَةِ ٱمْرَأَتُ ٱلْعَزِيزِ تُرَٰوِدُ فَتَىٰهَا عَن نَّفْسِهِۦ قَدْ شَغَفَهَا حُبًّا إِنَّا لَنَرَىٰهَا فِى ضَلَٰلٍ مُّبِينٍ
“(Einige) Frauen in der Stadt sagten: "Die Frau des hohen Herrn versucht, ihren Burschen zu verführen. Er hat sie in leidenschaftliche Liebe versetzt. Wir sehen wahrlich, sie befindet sich in deutlichem Irrtum."” — Bubenheim & Elyas
Taberî9-10. Jh.✓ Zitat verifiziert
Taberî erklärt, dass die Frauen die Verführungsversuche des Yusuf gegenüber der Frau des Aziz und die Überwältigung seiner Liebe zu ihr als einen offenbaren Fehler und eine Abweichung betrachteten, und dass ihre Aussage und ihr Sprechen tatsächlich ein List waren, um Yusuf zu sehen. Darüber hinaus betont er die Bedeutung des Wortes ‚Schegafe'; er erklärt, dass dieses Wort die Membran/den Schleier des Herzens bezeichnet und dass Yusufs Liebe diese Membran des Herzens der Frau durchdrungen hat und über ihr Herz herrschte. Er erörtert auch die Lesartenunterschiede (Schegafe/Scheafe) und weist darauf hin, dass die mit ‚Ain' gelesene Leseweise auch bedeutet, dass die Liebe die Person in alle Richtungen treibt, aber dass nach seiner Meinung die korrekte Leseweise mit ‚Ghain' ist.
وقوله: يقول قد وصل حب يوسف إلى شغاف قلبها، فدخل تحته حتى غلب على قلبها. وشغاف القلب: حجابه وغلافه الذي هو فيه
Zemahşerî12. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut Zemahşerî ist das Wort ‚النسوة' ein Singularnomen für eine Gruppe von Frauen, und seine Femininität ist nicht real (eigentlich), sondern metaphorisch wie die Femininität des Wortes ‚اللمة'; deshalb wurde dem Verb nicht das feminine Tâ-Suffix hinzugefügt. Außerdem kommt dieses Wort mit zwei Lautformen vor, die mit ‚Kesir' oder ‚Zamme' gelesen werden können. Er weist darauf hin, dass die Frauen in der Stadt fünf Personen waren, nämlich die Ehefrauen des Wächters, des Mundschenks, des Tierhalters, des Gefängniswartes und des Türhüters.
والنسوة اسم مفرد لجمع المرأة وتأنيثه غير حقيقي كتأنيث اللمة ، ولذلك لم تلحق فعله تاء التأنيث . وفيه لغتان : كسر النون وضمها
Fahreddin er-Râzî12-13. Jh.✓ Zitat verifiziert
Râzî überträgt, dass das Wort ‚Schegaf' die das Herz umhüllende Membran, den innersten Punkt des Herzens (Sewâda) oder die Umhüllung des Herzens bedeuten kann, und erklärt, dass dieser Ausdruck eine Anspielung ist, die die Intensität der Liebe der Frau und die Tiefe ihrer Leidenschaft ausdrückt. Außerdem berichtet er, dass eine Gruppe von Gefährten und Nachfolgern dasselbe Wort mit dem Buchstaben ‚Ain' las (‚Sche'afe'), was auch bedeutet, dass die Liebe das Herz in dem Maße erfasst, dass es brennt.
وبالجملة فهذا كناية عن الحب الشديد والعشق العظيم
Kurtubî13. Jh.✓ Zitat verifiziert
Kurtubî behandelt in diesem Vers die Lesarten und Lesartenunterschiede des Wortes ‚نسوة' sowie die verschiedenen Lesarten und Bedeutungen der Wörter ‚شغفها' / ‚شعفها'. Er betont den Unterschied zwischen Schegaf und Sche'af: Schegaf wird als die Hülle/Umhüllung des Herzens erklärt, Sche'af dagegen als der innerste Punkt des Herzens (Sewâdâ), und er weist auf die Wichtigkeit dieser Unterscheidung hin. Außerdem werden Überlieferungen darüber erfasst, wen das Wort ‚Fetâ' bezeichnet (Yusuf oder ein Diener).
وقال سعيد بن أبي عروبة عن الحسن : الشغاف حجاب القلب والشعاف سويداء القلب فلو وصل الحب إلى الشعاف لماتت وقال الحسن : ويقال إن الشغاف الجلدة اللاصقة بالقلب التي لا ترى وهي الجلدة البيضاء فلصق حبه بقلبها كلصوق الجلدة بالقلب
İbn Kesîr14. Jh.✓ Zitat verifiziert
Laut Ibn Kesîr tadeln die Frauen der Stadt in diesem Vers die Liebe der Frau des Wesirs zu ihrem Sklaven (Fetâ) und ihren Versuch, ihn nach ihrem Willen zu führen; dies ist ein Zeichen dafür, dass ihre Liebe den tiefsten Punkt ihres Herzens (Schegâf) erreicht hat.
قال الضحاك عن ابن عباس الشغف الحب القاتل والشعف دون ذلك والشغاف حجاب القلب أي في صنيعها هذا من حبها فتاها ومراودتها إياه عن نفسه
Beydâvî13. Jh.✓ Zitat verifiziert
Beydâvî weist in diesem Vers darauf hin, dass die Anzahl der Frauen in der Stadt fünf war (die Frau des Hâjib, des Mundschenks, des Bäckers, des Gefängniswartes und des Tierhalters); außerdem erklärt er, dass der Ausdruck ‚Imraetu'l-Azîz' ausdrückt, dass die Frau des Herrn des Yusuf Begleitung mit ihrem eigenen Sklaven wünschte. Er interpretiert auch den Ausdruck ‚Schegafehâ Hubben' als eine Liebe, die die Membran des Herzens durchbricht und bis zur Leber (Fuâd) reicht, und berichtet, dass dieses Wort mit einer unterschiedlichen Leseweise ‚Sche'afehâ' gelesen werden kann, wobei es dem Abbrennen eines Kamels ähnlich wird.
قد شغفها حبا شق شغاف قلبها وهو حجابه حتى وصل إلى فؤادها حبا، ونصبه على التمييز لصرف الفعل عنه. وقرئ «شعفها» من شعف البعير إذا هنأه بالقطران فأحرقه.
Vergleich
Gemeinsamkeiten
Alle Gelehrten stimmen darin überein, dass das Wort ‚Schegafe/Scheafe' eine Anspielung ist, die ausdrückt, dass die Liebe tief in das Herz der Frau eindringt, sogar bis zum innersten Punkt des Herzens, und dass diese beiden Lesarten (Ghain/Ain) Bedeutungsnuancen tragen. Darüber hinaus werden ähnliche Überlieferungen über die Identität der Frauen in der Stadt erfasst (wie die Ehefrauen des Mundschenks, des Bäckers, des Gefängniswartes und des Tierhalters), und die gemeinsame Betonung liegt darauf, dass die Aussage dieser Frauen, obwohl sie wie ein Tadel aussieht, tatsächlich ein Mittel/eine List war, um Yusuf zu sehen.
Unterschiede
Während Taberî die Leseweise mit ‚Ghain' bevorzugt, präsentieren Râzî und Kurtubî beide Lesarten und unterscheiden den Bedeutungsunterschied zwischen ihnen (Membran/Hülle und innerster Punkt des Herzens) systematischer. Zemahşerî hebt die sprachliche Dimension hervor (die Femininität des Wortes ‚النسوة', Lautunterschiede), während Ibn Kesîr eine überlieferungsgestützte Lesart bietet. Beydâvî führt dagegen eine kurze und zusammenfassende Sprachanalyse durch und weist auf die Metapher des Verbrennens eines Kamels bei der unterschiedlichen Leseweise hin; dieser Unterschied hängt nicht so sehr von der Schule ab, sondern eher davon, wie sehr der Ausleger die sprachliche Analyse gewichtet.
Bezug zur Gegenwart
Dieser Vers kann als eine Erinnerung daran betrachtet werden, wie emotionale Intensitäten den Menschen beeinflussen können, und weist darauf hin, wie wichtig es ist, sich der Geduld und Keuschheit bewusst dem Nafs und den Begierden zu nähern. Darüber hinaus kann die gleichzeitige Darstellung verschiedener Lesarten und Interpretationen als ein Beispiel dafür betrachtet werden, dass man in der wissenschaftlichen Tradition verschiedenen Lesarten mit Respekt und Toleranz begegnet. Auf gesellschaftlicher Ebene kann gesagt werden, dass die Behandlung persönlicher Schwächen mit ethischer Sensibilität anstatt ihrer Offenlegung eine ausgleichende Haltung in Familie und Gesellschaftsbeziehungen schaffen kann.
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